Altbäume als wesentlicher Bestandteil urbaner Klimaanpassung

Im Rahmen der Black2GoGreen Tagung „Measuring Urban Resilience – Substrates, Monitoring and Ecosystem Services“ der Hochschule Geisenheim University mit rund 120 Teilnehmenden stand die Bedeutung von Bäumen für klimaresiliente Städte im Mittelpunkt. Thematische Schwerpunkte waren der Schutz und Erhalt der Baumgesundheit, Sanierungsverfahren für wertvolle Altbäume sowie die Weiterentwicklung geeigneter Baumsubstrate. Ein Beitrag aus der Forschung des CEDIM widmete sich der Wahrnehmung von Hitze im urbanen Raum und beleuchtete die Bedeutung von Bestandsgrün für die kommunale Klimaanpassung am Beispiel der Karlsruher Innenstadt-Ost. Dabei wurden die vielfältigen Ökosystemleistungen und die Diversität vorhandener Stadtbäume herausgestellt.
Im Austausch mit Fachleuten aus Wissenschaft, Planung und Praxis wurde deutlich, dass großkronige Altbäume eine zentrale Funktion für das Mikroklima, die Aufenthaltsqualität und die ökologischen Leistungen erfüllen. Gerade in Zeiten zunehmender Hitzebelastung sind sie somit ein wichtiger Bestandteil der urbanen Klimaanpassung. Gleichzeitig nimmt ihr Bestand immer weiter ab, wie Beispiele aus Zürich oder München zeigen.
Großkronige Altbäume mindern durch ihre hohe Verschattungs- und Verdunstungsleistung die urbane Hitzebelastung vor Ort. Ihre Wirkung wird anhand zweier Szenarien sofort klar: eine Straße mit Altbaumallee, die Fassaden, Gehwege, Parkplätze und Fahrbahn gleichzeitig beschattet, und dieselbe Straße mit Neupflanzungen, die meist nur ihre eigene Baumscheibe erreichen (siehe Abbildung). Die bedeutsamen Leistungen der Altbäume lassen sich durch Neupflanzungen nicht in gleicher Weise ersetzen.
Ein zentraler Punkt aus den Vorträgen und Diskussionen war: Unter den heutigen Bedingungen erreichen Neupflanzungen nicht mehr die Größe der Altbäume, die wir verlieren. Dafür gibt es mehrere Gründe. Stadtbäume wachsen heute oft unter dauerhaftem Stress durch verdichtete Böden, Wassermangel, Sauerstoffmangel, einen stark begrenzten Wurzelraum, Hitze und Trockenheit, Krankheiten und Schädlinge. Die Größe des Wurzelraums bestimmt maßgeblich das erreichbare Lebensalter und die maximale Kronengröße. Übliche Baumgruben (12 m²) begrenzen das Wachstum und das Lebensalter auf 20 bis 30 Jahre, sodass Neupflanzungen vorhersehbar nur einen Bruchteil der Größe von Altbäumen erreichen.

Zusätzlich zeigen Forschungsergebnisse aus München, dass das Wachstum der Stadtbäume in der letzten Dekade deutlich langsamer war als in früheren Jahrzehnten. Der Stammzuwachs nahm in Trocken- und Folgejahren deutlich ab – ein Muster, das sich im Zuge des Klimawandels häufiger wiederholen wird. Heutige Neupflanzungen werden daher sehr wahrscheinlich nie oder nur sehr verzögert die Funktionen von Bestandsbäumen erreichen.
Was können wir tun, um wertvolle Stadtbäume zu erhalten und zu unterstützen? Der aus klima- und stadtökologischer Sicht notwendige Erhalt von Bestandsbäumen erfordert eine konsequente Prüfung von Sanierungsmöglichkeiten vor jeder Fällung. Maßnahmen wie die Verbesserung der Bodenstruktur, die Entsiegelung, eine optimierte Luft- und Wasserversorgung sowie spezifische Mykorrhiza-Anwendungen fördern den Wurzelraum und die Bodenbiologie. Laut dem Sanierungsspezialisten Damian Jörren von TFI, das auf 40 Jahre Erfahrung in der Sanierung von (Alt-)Baumstandorten mittels Drucklanzen und Substrateinbringung zurückblickt, sind Sanierungen oft möglich und steigern die Baumgesundheit deutlich – wie an Einzelbäumen bis hin zu ganzen Baumalleen gezeigt.
Gleichzeitig dürfen Risiken nicht ignoriert werden. Alte Bäume benötigen regelmäßige Kontrollen, eine fachlich fundierte Pflege und eine Zustandsbewertung – insbesondere an Standorten, an denen die Verkehrssicherheit, kritische Infrastrukturen oder bauliche Verdichtungen eine Rolle spielen. Entscheidend ist eine differenzierte Einzelfallabwägung, bei der dem Erhalt eine Präferenz eingeräumt werden sollte.
Bei Neupflanzungen gilt: Wer frühzeitig in gute Standortbedingungen investiert, spart sich später aufwendige Ersatz- und Unterhaltungsmaßnahmen. Dies bezieht sich insbesondere auf den verfügbaren Wurzelraum und auf geeignete Baumsubstrate, die die Nährstoff-, Sauerstoff- und Wasserverfügbarkeit am Standort optimieren. Ein weiteres Fazit der Tagung war die Bedeutung der Baumvielfalt. In Städten sollten nicht nur wenige „Trendbaumarten“ oder vermeintliche Klimabäume gepflanzt werden. Stattdessen ist eine breite Artenvielfalt erforderlich, um Ausfallrisiken zu verringern und städtische Grünflächen langfristig resilienter zu gestalten. Dabei spielt auch die Gestaltung der Baumscheibe und des Umfelds eine wichtige Rolle: Eine durchdachte Kombination aus Baum, Strauch und Stauden kann die Bodenqualität verbessern, Wasser im System halten und zur Stabilität des Standorts beitragen.
Ein weiteres Fazit der Tagung war die Notwendigkeit einer diversifizierten Baumvielfalt. In Städten sollten nicht nur wenige „Trendbaumarten“ oder vermeintliche Klimabäume gepflanzt werden. Vielmehr ist eine breite Artenvielfalt erforderlich, um Ausfallrisiken zu verringern und städtische Grünflächen langfristig resilienter zu gestalten. Zusätzlich sollten Baumscheiben mit Sträuchern und Stauden bepflanzt werden, um die Bodenqualität zu verbessern, die Wasserspeicherung zu erhöhen und die Baumwurzeln besser zu schützen.
Erfahrene Praktiker aus verschiedenen Städten waren sich einig: Bäume wachsen immer dem Wasser nach, d. h. in die vorhandene Wasserinfrastruktur. Technische Gegenmaßnahmen verhindern dies nicht. Wenn die Wurzeln von Bestandsbäumen in die Kanäle hineinwachsen, sind sie mit Wasser und Nährstoffen versorgt und deshalb weniger betreuungsintensiv als Neupflanzungen. Die Risiken der durch Bäume verursachten Kanalschäden sollten daher kontextspezifisch überprüft und hinsichtlich potenzieller Vorteile neu bewertet werden. Die in der Planungspraxis übliche Argumentation für die Fällung von Bäumen wegen des Schadensrisikos an Kanälen müsste somit neu bewertet werden.
Die Diskussionen bei Black2GoGreen haben eindrücklich gezeigt, dass Stadtbäume nicht nur gestalterische Elemente sind, sondern Teil einer zukunftsfähigen urbanen Infrastruktur. Der Erhalt und die Pflege von Bestands- bzw. Altbäumen sowie eine optimierte Standortentwicklung bei Neupflanzungen sind daher zentrale Bausteine einer langfristig tragfähigen urbanen Grünplanung und stärken die Klimaanpassungsfähigkeit der gesamten Stadt.
Die Vortrags-PDFs sind hier abrufbar.
Zitierte Vorträge:
- Dr. Clemens Heidger, ö.b.v. Sachverständiger, Hannover: „Bäume in Stadtstraßen – Grundlagen und frühe Erfahrungen als Ausgangspunkt heutiger Systeme“
- Dr. Denise Heike Böhnke, CEDIM Karlsruhe Institut für Technologie (KIT): „Mapping und Bewertung von Ökosystemleistungen“
- Prof. Dr. Thomas Rötzer, Zentrum für Stadtnatur und Klimaanpassung TU München: „Wachstum, Wasserverfügbarkeit und Ökosystemleistungen von Stadtbäumen“
- Klaus Körber, Landwirtschaftsdirektor, Leiter des Sachgebietes Obstbau/Baumschule Veitshöchheim: „Klimabäume und Biodiversität im urbanen Wandel“
- Axel Heinrich, IUNR Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften: „Pflanzenverwendung für die Schwammstadt – urbane Vegetationssysteme“
- Thomas Roth, HBLFA für Gartenbau und Österreichische Bundesgärten: „Wurzelarchitektur und Kronenleistung: Sichtung von Stadtbaumarten im Schwammstadt-System“
- Jörg Jaroszewski, Leiter der Stadtgärtnerei Stadt Stein: „Be- und Entwässerung mit Baumrigolen - Projekt der Stadt Stein“
- Dr. Jürgen Kutscheidt, mycorrhiza.de: „Mykorrhizaanwendungen zur Pflanzung und zur Baumsanierung“
- Damian Jörren, Spezialist Standortsanierung mit TFI-Tree FertilizerInjection, tfi – vitaleres Grün: „Sanierung verdichteter Baumstandorte mit Drucklanzen – ein gesunder Boden für vitales Grün“
Autor: Denise Böhnke (April 2026)