Wie sich die Klimarisiken des Tourismus verschieben

Neue Perspektiven für Urlauber und Regionen: Ein Risiko-Index hilft dabei, die Folgen des Klimawandels besser zu verstehen.

Mit jedem weiteren Jahr wird der Klimawandel zu einer zunehmenden Herausforderung für den globalen Tourismus. Klimarisiken verschieben sich heute ebenso rasant wie die globalen Klimazonen. Um diese Risiken speziell im Kontext der Reisebranche präzise darzustellen, wurde der „Global Tourism Climate Exposure Layer“ (G-TCEL) entwickelt. Dabei handelt es sich um ein transparentes und skalierbares Modell, das weltweite Klimagefahren analysiert und sie im regionalen Kontext in greifbare Risikoabschätzungen übersetzt. Das Besondere an diesem Ansatz ist, dass nicht nur reine Klimadaten einfließen, sondern dass die meteorologischen Werte direkt mit Tourismusindikatoren und den jeweiligen Landschaftsformen abgeglichen werden, um die realen Risiken anschaulich abzubilden.

Anstatt Risiken isoliert zu betrachten, bewertet das G-TCEL-Modell je nach Anwendung vier bis neun unterschiedliche Klimagefahren. Darunter fallen Hitze, Kälte, Niederschlag und Dürre, die sich wiederum in spezifische Unterkategorien (wie Hitze und Hitzestress) unterteilen lassen. Diese Gefahren ergeben sich aus der kombinierten Betrachtung verschiedener Klimaindikatoren (z. B. der Anzahl an Hitzetagen oder der Maximaltemperatur). Für eine leichtere Verständlichkeit wurden sie in eine einfache Skala von 0 bis 100 übertragen (Abb. 1). Wichtig bei solchen Index-Skalen ist jedoch vor allem die lokale Relevanz: Eine Temperatur von 40 °C hat für Stuttgart eine vollkommen andere Bedeutung als beispielsweise für Ägypten. Daher wurden für alle untersuchten Indikatoren örtlich relevante Grenzwerte festgelegt. Damit ist stets klar: Steigt der Index über 50, bedeutet dies für den betrachteten Ort eine relevante Veränderung hin zu einem ernstzunehmenden Klimarisiko.

Abb. 1: Diese Karte zeigt die dominierenden kombinierten Klimarisiken für Europa. Die Farbwerte ergeben sich aus den beiden höchsten Risikowerten, sofern diese mindestens 50/100 überschritten haben, und sind abhängig von den lokalen infrastrukturellen Gegebenheiten (© Andreas Schäfer).

Anschließend wurden diese Ergebnisse auf regionaler Ebene aggregiert. Dabei wird nicht einfach ein räumlicher Durchschnitt berechnet. Orte, die für den Tourismus eine zentrale Rolle spielen – etwa aufgrund einer hohen Hoteldichte oder großer Besucherzahlen – fließen mit einem deutlich höheren Gewicht in die Analyse ein. Die Ergebnisse werden schließlich nach vier Landschaftsformen bzw. Tourismus-Typologien aufgeteilt: städtische Räume, ländliche Naturräume, Gebirge und Küstenregionen. Diese Differenzierung ermöglicht es, die Klimafolgen für die jeweiligen Gebiete getrennt zu betrachten, da jede Landschaft völlig eigene Anforderungen und Herausforderungen mit sich bringt.

Mit diesem Modell lassen sich zwei spannende Metriken ableiten, die die Folgen des Klimawandels besonders hervorheben:

  • Die Klimarisikozonen: Sie ergeben sich aus der Kombination der beiden dominantesten Risiken vor Ort, sofern diese jeweils einen Risiko-Index von mindestens 50 aufweisen. Am Beispiel Süddeutschlands zeigt sich hier ein drastischer Wandel: Historisch (1980) war die Region vor allem durch Kälte und Niederschlag geprägt, in den Projektionen entwickelt sie sich jedoch zu einer Landschaft, in der Hitze, wahlweise in Kombination mit Dürre oder starkem Niederschlag, dominiert.
  • Der Klimazwilling: Dieses Konzept identifiziert Orte, die heute oder historisch genau das Klima aufweisen, welches wir an unserem Heimatort in der Zukunft erwarten können. Über die Jahre lässt sich so ein „Klimapfad“ abbilden. Dieser verschiebt Süddeutschland visuell zunehmend in den historischen Mittelmeerraum und könnte bei extremen Szenarien für einzelne Parameter in der Zukunft sogar Werte erreichen, wie sie heute in Nordafrika gemessen werden (Abb. 2).

Das Modell wird derzeit kontinuierlich weiterentwickelt und wird von der CEDIM Ausgründung Risklayer GmbH in Kooperation mit der NGO Travel Forward demnächst als kostenfreies Informationstool zur Verfügung gestellt. Es soll Akteuren im Tourismus einen einfachen Einstieg in das Verständnis von Klimarisiken bieten. Grundsätzlich sind diese Ergebnisse jedoch nicht nur für Reisende und Gastgeber relevant. Die zugrunde liegende Methodik lässt sich auch auf andere Wirtschaftssektoren und infrastrukturelle Herausforderungen übertragen 

Abb. 2: Der „Klimapfad“ Baden-Württembergs zeigt die Entwicklung von 1980 bis 2080 hin zu den Klimazwillingen für die Jahre 2010 (blau), 2050 (orange) und 2080 (rot) im Klimaszenario SSP5-8.5. Die regionalen gesamten Klimarisiken für den Tourismussektor gemäß G-TCEL sind farblich hinterlegt für das Jahr 2050 (SSP5-8.5; © Andreas Schäfer).

Zugehöriges Einrichtung: Risklayer GmbH (Ausgründung des KIT/CEDIM)
Autoren:  Andreas M. Schäfer, Annika Maier, Bijan Khazai, James E. Daniell (Juni 2026)